Spargel, als das Höchste hungriger Gefühle
13.02.2001
"Frisch gestrichen" Spargel, als das Höchste hungriger GefühleVorweg genommene Utopien von den Rotstiften / Kabarett im Würzburger Theater EnsembleMag sein, so sieht sie wirklich aus die Kirche von übermorgen: wettbewerbsgestärkt und profilbildungsorientiert, nur noch auf da s Wesentliche, sprich, das Kerngeschäft beschränkt – als da wären Taufen, Hochzeiten und Scheidungen, angeboten in qualitativ und preislich abstuften, Sakramentspaketen - und der Rest outgesourct. Dieses Bild von Kirche zeichnen jedenfalls die Rotstifte in ihrem übermütig-frechen, unterhaltsamen Musikkabarett "Frisch gestrichen", das am Freitag und Samstag. im Würzburger Theater Ensemble zur Aufführung kam. Rotstift-Kleinkunst, das heißt: politisch-fränkisches Kabarett ohne aggressiven Humor, ohne Ausfälligkeiten und Wettereien. Die Rotstifte legenden Daumen auf die ach so hübsch drapierten Wunden unserer Zeit, die sich eifrig im Streichen übt. In Kunst, Kultur und im Gesundheitswesen – und was nicht so recht ins aufgeräumte Bild der Republik passen will, wird schleunigst aus dem Gedächtnis gestrichen. Ausgestrichen und radiert wird natürlich auch auf dem Speiseplan, nicht nur im Gefolge von BSE – wie sollte man der allgemeinen Verfettung der Gesellschaft beikommen, wenn nicht durch streng vegetarische Kost. Theo Grundhöfer steht als Askesewächter den Gästen im Kalorienrestaurant mit Rat und Tat zur Seite, wenn es darum geht, den Energiewert der Speisen zu ermitteln. Ausgequetschter Spargel als das Höchste der hungrigen Gefühle und der Pudding zum Nachtisch ist selbstverständlich aus Styropor. Alles andere würde die Bemühungen um die schlanke Linie verpatzen. Beraten wird aber nicht nur im Slim-Line-Lokal, sondern auch im Farbgeschäft, wo sich Angela Merkel, Edmund Stoiber und Joschka Fischer bei Brigitte Webers gelangweilter Verkäufern ein Stelldichein geben. Der Politik täte ein frischer Anstrich gut, und was könnte Joschka besser stehen als ein grüner Daumen, passend zum Nato-Oliv? Gestrichen werden weiterhin die auf Zufallsreproduktion zielenden, sorgenfreien Genüsse zwischen den heimischen Kissen – vorher muss abgeklärt werden, wie es sich mit den Genen verhält. So staunt das händchenhaltende Paar Bäcker nicht schlecht, als es von der brillenfuchtelnden Beraterin der Ortskrankenkasse in routinierter Hemdsärmeligkeit aufgeklärt wird. Ein en passant gezeugtes Kind, das kommt teuer bei dermaßen schlechten Erbanlagen. Als ob das Paar – herrlich Bruno Kuhn als dümmlich vor sich hingrinsender Papa in spe mit Hausmannsambitionen und Übergewichtsproblemen – nicht schon genug an Zuschlägen zahlt. Sie, weil sie erstens eine Frau ist, zweitens raucht sie und drittens vernachlässigt sie auf sträfliche Weise, die Zahnpflege. Er ob seiner Naschsucht und der Aversion gegenüber sportlicher Betätigung. Für diese beiden kommt als Nachwuchs, nur das zuschlagsfreie Kassenmodel in Frage. In solchen Zeiten wittern die sonst hinter schweren Sicherheitstüren verschanzten Laborexperimentatoren natürlich Morgenluft. Verheißungsvoll brodelt Gebräu zum Song von gen-Cocktail-No.5", vom Chemiedampf berauscht sieht Brigitte Webers Experimentatorin der Entstehung eines Fußballstars mit Föhnfrisur entgegen. Nein, wir brauchen keine Männer mehr, wir brauchen keine Frauen mehr – Menschsein genügt. Oder vegetiert da noch irgendwo eine geheime Sehnsucht nach der guten alten zeit, die nicht von Perfektionsdrang beherrscht war? Diese gute alte zeit, als die Rollen noch festgelegt waren und jeder und jede gewusst hatte, was sich geziemt. In der Männersauna kommt man zusammen und klagt sich gegenseitig das leid. kein Termin mehr, den Frauen inzwischen nicht für sich erobert hätten. Kein Berufsfeld, in dem sie nicht vorgestoßen wären. Da bleibt nur eins: Lasst, uns eine Männer-Selbsthilfegruppe gründen! In Zeiten knapper Kassen muss natürlich auch der hohen Kunst eine Absage erteilt werden. Aber was macht es schon, wenn das Streichorchester auf einen Geiger zusammengeschrumpft ist. Gibt es nicht reichlich Musik aus der Konserve? Wolfgang Stenglins Geiger sieht das ganze relativ gelassen, während sich Walter Manns Dirigent noch Bekümmernisse erlaubt. Alles eine Gewöhnungssache, und wer mag noch Unmut. darüber äußern, wenn Vorstellungen mit jener Rüdigkeit unterbrochen werden, die wir längst vom öffentlichen Personennahverkehr gewohnt sind. Angela Bernds Kulturkontrolleurin tut nur ihre Pflicht, die strenge Schaffnersattitüde mag man ihr nachsehen. Wo kämen wir aber auch hin, wenn jeder nach Gusto Kultur in Anspruch nehmen würde, hoch subventionierte Kultur! Kunstgenuss mehr als einmal im Monat ist ein Sakrileg, das mögen sich vor allem Landkreis-Bewohner gesagt sein lassen. Düstere Zeiten, die die Rotstifte anbrechen sehen. Doch für Gejammere lassen sie keinen Platz, im Gegenteil, die überaus sympathische, 13-köpfige Crew, die sich 1978 als gewerkschaftliche Songgruppe gründete - und ihre Sangeslust bis heute beibehielt, wofür "Frisch gestrichen" mit Songs wie, die vierstimmige Grönemeyer-Adaption "Männer" oder der „Titanic-Song zum Alltagsstress" beredte Beispiele , sind - weiß sozialkritische Themen mit Humor und guter Laune anzupacken und witzig zu verpacken, ohne in vordergründige Belustigung zu verfallen. Keine Pointe, die vorbeizielte. Kein stumpfes Kalauern. Die lebhaften Publikumsreaktionen beweisen, dass die Rotstifte einen Nerv treffen. Pat Christ |
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