Das Arbeitsamt als Freizeitclub
18.11.1998
Das Arbeitsamt als Freizeitclub
Die Rotstifte aus Würzburg - Musikkabarett im Jugendzentrum
BAD KISSINGEN (kff). "Zufriedene Kunden kommen wieder!", verkündet der Direktor des Arbeitsamts. Er möchte das Image seiner Behörde aufpolieren. Wie wär's mit neuem Namen? Freizeitzentrum vielleicht? Das Wartezimmer könnte Abstellraum heißen oder Speisesaal -weil man mittags auch noch da ist.
Das Arbeitsamt ist "Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens" sagen die Rotstifte und karikieren Arbeitswelt und Arbeitslosenweit. "Mords was (arbeits)los" nennt die Laientruppe ihr Musikkabarett. Der Deutsche Frauenring, Ortsring Bad Kissingen, hatte sie aus, Würzburg ins Jugendzentrum geholt.
Die 13 Mitglieder stehen zu ihren Wurzeln als Songgruppe. Mehrstimmig besingen sie den Karriere-Heinz, "hart wie Stein, aber allein", bedrängen den Sklavenhändler, "hast du Arbeit für mich, wir tun alles für dich", und rappen nach Art der Fantastischen Vier: "Sie Ist weg" - die Arbeit, nicht die Freundin.
Ellbogen-Einsatz
Beim Aerobic-Kurs können sich Arbeitslose qualifizieren: "Wir setzen die Ellenbogen ein, bewältigen mühelos den Übergang in eine neue Position, buckeln, kommen auf den Boden zurück. Spüren Sie die Befreiung?" Wenn nicht, hilft die Sekte. Mit Engelszungen singen die Heilsbringer "Nimm's leicht!" und tätscheln Köpfe im Wartezimmer.
Beim Direktor klingelt das Telefon: "Ah, Frau Minister! Nicht in München? Ach so, das Oktoberfest Ist vorbei" Der Defiliermatsch kündet vom hohen Besuch, schnell werden die Arbeitslosen abgestaubt. An ihnen führt der Direktor die Ministerin vorbei: " ... und hier ein Langzeitarbeitsloser, er gehört sozusagen zum Inventar". Die Ministerin hält eine Rede: Wer könne jammern, wenn die Arbeitslosenzahl seit 1929 um 1,2 Millionen gesunken Ist? Und die Lockerung des Kündigungsschutzes schaffe freie Arbeitsplätze.
Die Spielfreude der Laientruppe begeisterte; überdreht waren Mimik und Gestik, bissig und treffend die Pointen. Die Zugaben gaben die Rotstifte als Girl- und Boygroup: Sie dürfen schon mal kreischen!"